Orale Prävention in der Schwangerschaft

Der Spruch „Jedes Kind kostet einen Zahn“, der ursprünglich das Entziehen von mütterlichen Mineralien meinte, entbehrt jedes wissenschaftlichen Nachweises. Und doch sind werdende Mütter häufig beunruhigt, wenn sie sensibilisiert durch die vielen Veränderungen an ihrem Körper eine verstärkte Rötung, Schwellung und Blutung der Gingiva wahrnehmen. Diese Schwangerschaftsgingivitis ist für viele werdende Mütter der Grund für einen zusätzlichen Zahnarztbesuch.

Laut epidemiologischen Studien zeigt die Schwangerschaftsgingivitis eine stark variierende Prävalenz zwischen 35% und 100% aller Schwangeren. Die Genese ist multikausal. Fest steht jedoch, dass die klinische Manifestation der Zahnfleischentzündung während der Schwangerschaft durch ein hormonelles Ungleichgewicht induziert wird und in ihrem Ausmaß mit den hormonellen Schwankungen mitläuft.

Die Funktionen von Blut- und Lymphgefäßsystem, Haut und Schleimhaut ändern sich in der Folge. So kann sich eine Gingivitis bzw. Hypertrophie im ersten Trimenon durch eine ansteigende Gonadotropin­konzentration manifestieren, und der Östrogen- und Progesteronanstieg während des zweiten und dritten Trimenons hält die Entzündung aufrecht. Gegen Ende des dritten Trimenons ist häufig eine spontane Remis­sion zu beobachten, was auf die Verringerung der Hormonsekretion zurückzuführen ist.

Aufgrund der hormonellen Umstellungen ändern sich weiterhin die Zusammensetzung der dentalen Plaque und die Immunantwort. In der subgingivalen Plaque kommt es z.B. zu einer bis zu 55-fachen Er­höhung der Konzentration an Prevotella intermedia, deren Konzentration direkt mit dem Ausmaß der Gingivitis korreliert. Weiterhin ist eine Verschiebung der subgingivalen Bakterienflora von gram-positiven zu gram-negativen Keimen beschrieben. Da Progesteron eine immunsuppressive Wirkung besitzt, wird der Gingivitis weiter Vorschub geleistet. Die steigende Konzentration von Östrogen und Progesteron in der Gingiva beeinflusst die vaskuläre Permeabilität und die Exsudation. Es werden ein Stillstand der Mikrozirku­lation und eine deutliche Verminderung der Zell­regeneration ausgelöst.

In der aktuellen Literatur werden verschiedenste Prädiktoren für die Ausbildung einer Gingivitis bei Schwangeren diskutiert. Dazu gehören ethnische Her­kunft, Alter, Körpergewicht, Rauchen während der Schwangerschaft und sozioökonomische Einflüsse wie z.B. Ausbildungsgrad.

Eine Studie von Diaz-Guzman und Castellanos-Suarez (2004) stellte fest, dass eine Schwangerschaft kein bestimmender Faktor für die Entwicklung von parodontalen Erkrankungen ist. So fanden sie keinen Unterschied in der Prävalenz von Gingivitiden und Parodontopathien bei schwangeren und nicht schwan­geren Frauen, obwohl schwere Parodontopathien bei Schwangeren häufiger auftraten als bei Nicht-Schwan­geren.

Insgesamt treten hormonell bedingte Veränderun­gen der Gingiva häufiger und intensiver bei Frauen auf, die bereits vor der Schwangerschaft zu Gingivitiden neigten. Moss (2005) hielt fest, dass der Blutungsindex und die Taschentiefen (> 4 mm) signifikante Vorhersage­parameter für parodontale Veränderungen während der Schwangerschaft darstellen, wobei die Taschentiefe nur in Verbindung mit dem Blutungsindex valide Ergeb­nisse liefert.

Eine Vielzahl aktueller Studien kann einen Zusam­menhang von Schwangerschaftsgingivitiden bzw. -parodontopathien und einem gesteigerten Risiko für Frühgeburten, niedrigem Geburtsgewicht und Spät­schäden für das Kind belegen. Es wird angenommen, dass Frauen mit einer marginalen Periodontitis bzw. Gingivitis eine erhöhte Konzentration von Bakterien und bakteriellen Produkten im Blutkreislauf aufweisen. Diese Bakteriämie unterstützt entzündliche Effekte an der Plazenta.

Offenbacher et al. (2006) unterstreichen durch die Ergebnisse ihrer Studie zu den Effekten der parodon­talen Therapie während der Schwangerschaft, dass durch frühzeitige Erkennung und gezielte Therapie eine Verringerung der Entzündungsmediatoren und der Frühgeburtenrate erreicht werden kann. Auch Lopez (2005) wies nach, dass durch Plaque-Kontrolle, Scaling, Motivation und Instruktion sowie gezielter Chlorhexi­dinnutzung eine Verringerung sowohl der Frühgebur­tenrate als auch des niedrigen Geburtsgewichtes zu erzielen ist. Kraivaphan et al. (2006) zeigten, dass sich durch die Verwendung einer triclosanhaltigen Zahn­pasta die Schwangerschaftsgingivitis deutlich reduziert.

Obwohl die meisten parodontalen Veränderungen während einer Schwangerschaft von vorübergehender Natur sind, fordern Wissenschaftler gerade bei Frauen im gebärfähigen Alter regelmäßige Untersuchungen beim Zahnarzt, um die beschriebenen Komplikationen zu vermeiden. Außerdem reduziert ein hoher Sanie­rungsgrad bei jungen Frauen die Möglichkeit von zahnärztlichen Problemen während der Schwangerschaft.

So führen schwangere Schmerzpatientinnen auf­grund der Behandlungseinschränkungen für den Zahn­arzt, der möglichst Anästhesien, Röntgenaufnahmen und Füllungen – insbesondere mit Amalgam – ver­meiden möchte, häufig zu provisorischen Maßnahmen.

Junge Frauen und insbesondere Schwangere sind in Gesundheitsfragen äußerst motivierbar. Bei der Partnersuche und bei anderen Sozialkontakten sind Gesundheit, gutes Aussehen und ein strahlend weißes Lächeln von herausragender Bedeutung. Bei Schwan­geren tritt die Sorge hinzu, gesundheitliche Schäden des Kindes zu vermeiden und eine optimale Entwicklung für das Kind zu ermöglichen.

In einer komplikationslosen Schwangerschaft bleibt der werdenden Mutter genügend Zeit, sich über gesundheitlich relevante Probleme zu informieren. Schwangere sind sehr aufnahmefähig für Informationen und zu eigenen Verhaltensänderungen bereit. Diese Motivierbarkeit sollte genutzt werden, um junge Frauen über die zahnmedizinischen Probleme in der Schwan­gerschaft aufzuklären und z.B. jetzt zur Nutzung von Zahnseide zu motivieren. Die Approximalraum­reinigung sollte bei jungen Erwachsenen ohnehin im Vordergrund stehen, da ab diesem Lebensalter kario­logische und parodontale Probleme approximal am meisten fortschreiten.

Die Risikoklassifikation der Schwangeren ist nicht nur für die Vermeidung bzw. Therapie einer Schwan­gerschaftsgingivitis hilfreich, sondern auch für die Präventionsplanung des Kindes von herausragender Bedeutung. Auch aus diesem Grund wurde der zahnärztliche Kinderpass um Informationen und Befund­bögen für Schwangere erweitert. Die Mutter gibt einen Großteil der genetischen Disposition wie Minera­lisationsgrad der Zähne, Fissurenmorphologie und Speichelzusammensetzung an ihr Kind weiter. Außerdem erleichtert eine hohe Anzahl von kariogenen Bakterien (Mutans Streptokokken, Laktobazillen) die Infektion des Kindes mit diesen Bakterien, sobald der erste Zahn durchgebrochen ist.

Die Mutter überträgt ihre Ernährungs- und (Mund-) Hygienegewohnheiten auf das Kind. Insbesondere bei Müttern mit hohem Kariesbefall bietet sich hier die Chance, für die neugeborenen Kinder durch eine gezielte Prophylaxe von Anfang an entscheidende Ver­besserungen der Mundgesundheit im Vergleich zur Mutter zu erzielen. Dies kann vor allem durch die Aufklärung über die Zahnentwicklung, Ernährung, Zahnpflege und die Bedeutung von Fluoriden bei Kleinkindern geschehen. Zahlreiche Programme haben den Erfolg dieser relativ einfachen Maßnahmen belegt. So konnte in dem Göttinger Programm „Vom ersten Zahn an“ eine bessere zahnärztliche Betreuung von Kleinkindern erreicht werden, die zu einem guten Ver­hältnis der Kinder zum Zahnarzt, verbesserter Mund­hygiene und weniger Karies führte. Eine Nachunter­suchung bestätigte 10 Jahre später die bleibenden Erfolge der Maßnahmen. In Skandinavien ist diese Art der Betreuung allgemein üblich, und auf ihr basiert die enorme Verbesserung der oralen Gesundheit der jetzt 35-Jährigen.

Dr. Christine Heyduck, Prof. Dr. Christian H. Splieth, Greifswald

Literatur beim Verfasser

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. dent. habil. Christian Splieth
Präventive Zahnmedizin & Kinderzahnheilkunde Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Ernst-Moritz-Arndt-Universität
Rotgerberstraße 8
17487 Greifswald

Impressum