Untersuchungen haben gezeigt, dass 2010 etwa 25% der Bevölkerung älter als 60 Jahre sein werden. 2050 werden es sogar mehr als 40% sein . Diese Zahlen lassen einen Trend erkennen, wie die Patientenstruktur langfristig in der Zahnarztpraxis aussehen kann. Zudem beträgt die mittlere Lebenserwartung von Männern ca. 75 Jahre und von Frauen fast 80 Jahre. Diese Veränderung der Alterspyramide wird auch eine Veränderung in unseren Prophylaxestrategien mit sich bringen.
Laut DMS III verfügen 75% der 65 -74 jährigen deutschen Bundesbürger über eigene Zähne. Hinzu kommen die Patienten, die mit Implantaten versorgt sind und werden. Zähne und Implantate brauchen eine gründliche Pflege und Reinigung, um langfristig eine Verbesserung der Lebensqualität zu erzielen. Häufig treten jedoch mit zunehmenden Alter Risikofaktoren auf, die negativen Einfluss auf die Mundgesundheit nehmen. Hierzu zählen zum einen Veränderungen der Lebensumstände, aber auch altersbedingte Veränderungen, wie:
All diese Faktoren sollten auf keinen Fall unberücksichtigt im Prophylaxebemühen der Zahnarztpraxis bleiben, da sie maßgeblich eine Richtung in der Festlegung der Prophylaxestrategie vorgeben. So sollte bei einer Zahnhalskaries oder Wurzelkaries primär die Ursache für die Kariesaktivität entlarvt werden. Gründe hierfür können vielfältiger Natur sein. Eine Möglichkeit ist die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten. Aufgrund von nachlassenden Geschmacksempfindungen für süß und salzig und aufgrund von Kauproblemen bevorzugen viel ältere Patienten stark gesüßte und breiige Kost. Möglicherweise kommt eine reduzierte Spülwirkung durch einen Mangel an Speichel hinzu (natürlicher Ursache oder durch Medikamente bedingt, gilt es zu eruieren).
Auch kann die Durchführung einer Speicheldiagnostik zur Aufklärung der erhöhten Kariesaktivität beitragen. Erst wenn die Ursache bekannt ist, können gezielte präventive Maßnahmen eingeleitet werden, wie z. B. die Intensivierung der häuslichen Fluoridierungsmaßnahmen durch Fluoridgel oder aber den Einsatz von Chlorhexidin in Form von Spülung oder Gelapplikation. Ferner ist sicherlich eine Verkürzung der Recallabstände zweckmäßig.
Die Mundtrockenheit/Xerostomie ist ein weiterer wichtiger Risikofaktor in der erfolgreichen Betreuung des älteren Patienten. Für Mundtrockenheit gibt es verschieden Gründe. Zum einen kann es zu einer altersbedingten Abnahme der Speichelproduktion kommen. Handelt es sich hierbei um eine leichte Einschränkung der Speichelproduktion lässt sich dieses durch den Hinweis auf häufiges Trinken und den Einsatz einer fluoridhaltigen Zahnpasta und Mundspüllösung recht gut kompensieren.
Ein weiterer Grund für die massive Einschränkung des Speichelfußes stellt die Einnahme verschiedener Medikamente dar. So können Medikamente die Patienten mit Herz-Kreislauferkrankungen verordnet bekommen haben oder aber auch Antidepressiva negativen Einfluss ausüben. Patienten beklagen das Fehlen von Speichel als Einschränkung der Lebensqualität. Speichel hat viele wichtige Funktionen. Neben dem Sprechen, ist der Speichel wichtig für das Kauen und Schlucken. Ein schlecht durchfeuchteter Speisebrei kann zu starken Schluckbeschwerden führen, was letztendlich wieder zur Veränderung der Ernährungsgewohnheit durch den Genuss von breiiger Kost führt.
Auch ist Speichel wichtig für den Halt der Prothese. Zitat eines Patienten: „Erst wenn man keinen Speichel mehr hat, weiß man ihn zu schätzen“. Nicht zuletzt ist der Speichel im Zusammenhang mit Neutralisations- und Remineralisationsprozessen am Zahn zu nennen. Leidet ein Patient an Mundtrockenheit, so sollten Speichelersatzmittel, der Einsatz von xylithaltigen Lutschpastillen oder Kaugummis und Intensivfluoridierungs-Maßnahmen empfohlen werden.
Auch stellt die Einschränkung der körperlichen und geistigen Möglichkeiten einen nicht zu unterschätzenden Faktor für die Auswahl der häuslichen Mundhygieneartikel dar. Viele ältere Patienten erfreuen sich einer guten Gesundheit, sind aktiv und fit. Insgesamt jedoch nehmen beispielsweise die feinmotorischen Fähigkeiten und das Sehvermögen im Laufe des Alters ab. Weiterhin kann es zu Vergesslichkeiten und Depressivitäten kommen, die sich ebenfalls negativ auf die Mundhygiene auswirken können. Untersuchungen haben gezeigt, dass ab ungefähr dem 75. Lebensjahr Multimorbidität und altersbedingte Degenerationen festzustellen sind .
Aus diesem Grund gilt es die Auswahl der Mundhygieneartikel so einfach wie nötig aber so effizient wie möglich zu gestalten. So ist eine Basstechnik oder der Einsatz von Zahnseide nur schwer bei einem Senioren zu realisieren. Dieses gilt jedoch nicht ausschließlich für den bezahnten Patienten, sondern auch für den Prothesenträger. Auch hier sollten adäquate und leicht zu handhabende Mundhygienemaßnahmen gewählt und trainiert werden.
Fazit
Das Prophylaxebemühen um den älteren Patienten wird langfristig einen immer größer werdenden Stellenwert in der Zahnarztpraxis einnehmen. Wichtige Bestandteile der Prophylaxesitzung sind die Aufarbeitung der Anamnese zur Ursachenforschung, die individuellen Empfehlungen zur Mundhygieneoptimierung, die professionelle Zahnreinigung und die Intensivfluoridierung.
Zum Abschluss noch ein Denkanstoß zur Betreuung von älteren Patienten in Senioreneinrichtungen. Es ist kein Ammenmärchen, dass die Mundpflege bei pflegebedürftigen Senioren häufig mangelhaft ist. Leider herrscht bei dem betreuenden Pflegepersonal häufig Unwissenheit über die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Mundhygiene der Patienten. In einigen Regionen bestehen erfolgreiche Zusammenarbeiten zwischen Einrichtungen und Zahnarztpraxen. Sicherlich ist diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ausbaufähig. Ein wichtiger Baustein bei dieser Zusammenarbeit besteht in der Information und Aufklärung des Pflegepersonals. Unterstützung gibt hierbei z.B. eine CD-Rom mit dem Titel „Gesund im Alter - auch im Mund“. Hierbei handelt es sich um ein Fortbildung- und Lernprogramm erstellt von dem Arbeitskreis für Gerostomatologie e.V. in Kooperation mit der GABA GmbH.