Motivation und Compliance bei Kindern

„Abends startet bei uns immer das Drama: Zähne­putzen vor dem zu Bett gehen, da gruselt mir jetzt schon davor“.

Dieser Beitrag geht auf grundsätzliche Probleme bei der Motivierung von Kindern zur Zahnpflege ein und zeigt, wie regelmäßiges Zähneputzen zur Gewohnheit werden kann (Compliance). 

Belohnungen und Belohnungs­aufschub beim Zähneputzen

Dass Kinder nicht gerne ihre Zähne putzen, ist grundsätzlich wenig verwunderlich. Schließlich geht es darum, etwas regelmäßig zu tun, was kaum Spaß macht und dessen Sinn schwer einleuchtet. Bei Erwachsenen oder Jugendlichen können Motivationsmaßnahmen greifen, die auf Information („Wenn Sie jetzt regel­mäßig Zähneputzen, beugen Sie damit effektiv Karies in der Zukunft vor“), der Vermittlung eines persönlichen Erkrankungsrisikos („Plaque auf Ihren Zähnen kann sich zu Zahnstein verhärten und die Zähne entmineralisie­ren“) oder auf Demonstrationen wie Färbetabletten für Zahnbelag beruhen.

Solche Maßnahmen sind bei Kindern aber meist nicht praktikabel. Oder wie Konrad Lorenz es sehr tref­fend ausdrückte: „Gesagt ist nicht gehört. Gehört ist nicht verstanden. Verstanden ist nicht einverstanden. Einverstanden ist nicht angewendet. Und angewendet ist noch lange nicht beibehalten.“

Für Kinder ist nicht direkt erfahrbar, dass durch Zähneputzen Karies vorgebeugt wird, weil das mit einer zeitlichen Verzögerung von oft mehreren Jahren einher­geht.

In psychologischen Lerntheorien geht man davon aus, dass Verhaltensweisen erlernt werden, wenn direkt nachdem eine Verhaltensweise gezeigt wurde, eine Belohnung erfolgt. Je enger Belohnungen mit dem Ver­halten zusammenhängen, desto stärker ist ihre Wir­kung. Wenn Belohnungen – wie die Vorbeugung von Karies in der Zukunft – mit zeitlicher Latenz erfolgen, ist ihre Wirkung eingeschränkt. Die Vermeidung von Karies ist als Belohnung zudem zu abstrakt für Kinder und stellt einen negativen Verstärker dar – die Be­lohnung besteht nicht darin, etwas Positives zu be­kommen, sondern darin, dass etwas Unangenehmes ausbleibt. Generell sind negative Verstärker weniger wirksam als positive Verstärker. Das gilt auch für Tadel und Strafe. 

In der entwicklungspsychologischen Forschung geht man davon aus, dass die Fähigkeit, eine zeitlich weiter entfernte, höherwertige Belohnung (keine Karies) zu erkennen und sie einer sofortigen, geringe­ren Belohnung (Spielen statt Zähneputzen) vorzuziehen, mit der Lebenszeit zunimmt (Belohnungsaufschub). Das ist natürlich wenig hilfreich, wenn man mit kleinen Kindern regelmäßige Zahnpflege einüben will, denn hier sind zeitnahe und direkte Belohnungen gefragt. Was also tun?

Zunächst einmal gilt es, Barrieren abzubauen. Also Kinder-Zahnpasten wie elmex Kinder-Zahnpasta oder elmex Junior Zahnpasta verwenden, die milder schmecken. Dann sollte das Zähneputzen nicht am Ende der Sitzung im Badezimmer stehen, sondern am Anfang oder in der Mitte. Dadurch sind die Kinder noch nicht übermüdet und haben das Zähneputzen schneller hinter sich. Ab dem Schulalter sind Sanduhren oder elektrische Zahnbürsten mit Timern zu empfehlen. Dadurch sehen Kinder genau, wie viel Zeit sie schon geschafft haben.

Es empfiehlt sich nicht, die Kinder nach jedem er­folgreichen Zähneputzen mit einem kleinen Geschenk zu belohnen, weil das die Belohnungen entwertet und zu selbstverständlich macht. Sehr wirksam sind da­gegen Belohnungssysteme, wie z.B. ein Zahnputz­kalender.

Belohnungssystem


Belohnungssysteme

Belohnungssysteme (auch Token-[Gutschein-]Systeme) werden in der Psychologie erfolgreich zur Modi­fizierung von Verhalten eingesetzt. Sie haben sich in allen Altersgruppen in verschiedensten Bereichen von der Therapie des Bettnässens bis zur Raucherent­wöhnung sehr gut bewährt und werden generell gut verstanden und angenommen.

Belohnungssysteme bestehen darin, dass für jedes Mal, bei dem eine erwünschte Handlung (z.B. Zähne­putzen ohne Meckern) ausgeführt wird, ein Token (z.B. ein Smiley oder ein Sticker auf dem Kalender) vergeben wird. Diese Tokens können dann nach einem vorher ver­einbarten „Kurs“ in echte Belohnungen eingetauscht werden (z.B. 14 Tokens, zweimal täglich Zähneputzen in einer Woche, für gemeinsam mit den Eltern eine DVD ausleihen und anschauen).

Belohnungssysteme können für tägliche Handlun­gen wie Zähneputzen auf einem Kalender aufbauen. Das hat neben dem Token-System den Vorteil, dass Verbesserungen im Verhalten direkt erkennbar sind („Letzte Woche habe ich es nicht jeden Tag geschafft, aber diese Woche jeden Tag“). Das steigert Selbst­vertrauen und Selbstwert der Kinder.

Kinder, die sich im Zahlenraum eines Token-Systems noch nicht zurechtfinden, können sehr gut mit Mengen­angaben wie „wenn die blaue Reihe voll ist“ umgehen.

Wenn Zähneputzen bei älteren Kindern dann kein Problem mehr darstellt, kann das Token-System pro­blemlos auf andere schwierige Bereiche im täglichen Zusammenleben übertragen werden, z.B. Geschirr­spülen.

Um Kinder an das Zähneputzen heranzuführen, ist es sehr empfehlenswert, gemeinsam mit den Kindern die Zähne zu putzen. Das hilft beim Erlernen der richtigen Technik, und man kann sich dabei den Imitations­drang von Kleinkindern zunutze machen. Manchmal kann es hilfreich sein, zum Erlernen einer Technik auf Reime oder Lieder zurückzugreifen und so die Situation zu entspannen.

Rituale

Eine weitere Maßnahme besteht darin, das Zähne­putzen als Teil eines Rituals einzuführen. Unter Ritualen werden hier von Eltern und Kindern gemeinsam regelmäßig und unverändert durchgeführte Handlungen oder Handlungsabläufe verstanden.

Kinder in allen Entwicklungsstufen profitieren von Ritualen und fordern oft die Einhaltung von Ritualen ein, weil sie einen festen Rahmen, eine klare Struktur und einen von vornherein bekannten positiven Ziel­zustand bieten.

In Ritualen sind die einzelnen Handlungen oder Handlungsteile genau bekannt, und es ist festgelegt, welcher Partner welchen Teil des Rituals erfüllt. Rituale in Familien entwickeln sich oft durch Wiederholungen von selbst, sie können aber auch gezielt und gemein­sam konstruiert und zu einer festen Gewohnheit ge­macht werden.

Das Zähneputzen kann beispielsweise in ein „Zubettgehritual“ integriert werden, das mit dem Waschen beginnt und mit einem Gespräch über das am Tag Erlebte und einer Gutenachtgeschichte endet. Wenn in diesem Ritual das Zähneputzen als integrativer Bestandteil verankert ist, es also ohne den Schritt „Zähneputzen“ gar nicht im Ritual weitergehen kann, treten weniger Probleme auf. Auch morgens lässt sich Zähneputzen in einen ritualisierten Ablauf einbauen, der es im optimalen Fall Kindern und Eltern ermöglicht, den Tag entspannter zu beginnen, weil vom Aufstehen bis zum Abschied zum Schulbus die einzelnen Schritte genau bekannt sind.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht sind solche gemeinsam festgelegten Abläufe wichtig, weil sie Kindern einen absehbaren Rahmen geben, innerhalb dessen sie Teile ihres Tages strukturieren können und sich auf bestimmte Dinge verlassen und so eine sichere und feste, verlässliche Bindung zu ihren Bezugsperso­nen aufbauen können. Token-Systeme wie die oben angeführten können auch hier helfen, die einzelnen Schritte und Abläufe zu festigen und zur Gewohnheit werden zu lassen.
 

Fazit

Token-Systeme können dabei helfen, regelmäßige Zahnpflege zur Gewohnheit werden zu lassen. Es ist hilfreich, Zähneputzen zudem in familiäre Rituale einzubauen. 

Korrespondenzadresse:
Dipl.-Psych. Benjamin Schüz
Freie Universität Berlin
Health Psychology
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin

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