
Patienten mit Mundgeruch zu behandeln stellt heute kaum mehr ein Problem dar. Darüber hinaus gibt es das Phänomen des eingebildeten Mundgeruchs in leichter Form: (Pseudo-Halitosis) und schwerer Form (Halitophobie). Hierbei handelt es sich um den Symptomkomplex einer schweren psychischen Störung, die in professionelle Hände gehört. Über den Zahnarzt hinaus bedarf es einer psychologischen bzw. psychiatrischen Betreuung.
Während es für Menschen mit Mundgeruch effiziente Hilfe gibt und ihr Leiden damit zeitlich begrenzt ist, gibt es im Umgang mit dem Halitophobiker bisher kaum brauchbare Strategien. Er irrt oft von Experte zu Experte auf der Suche nach einer Fachperson, die endlich seinen Mundgeruch bekämpft. Der gar nicht existiert. Damit fordert er den Zahnarzt in der Mundgeruchssprechstunde auf, den Kampf gegen Windmühlen anzutreten. Ein aussichtloser Kampf? Fast. Aber nicht ganz.
Besonders tückisch am Mundgeruch ist, dass man ihn selbst nicht wahrnimmt. Mundgeruch ist ein weit verbreitetes Problem und viele Leute sind sich ihres schlechten Atems nicht bewusst. Da es sich bei der Halitosis in unserem Kulturkreis um ein Tabuthema handelt, kann man von Glück sprechen, wenn sich ein mutiger Zeitgenosse erbarmt und einen auf die Malaise aufmerksam macht. Schlechter Atem hält andere Menschen auf Distanz. Somit können Beziehungen im privaten wie im beruflichen Umfeld darunter leiden. Früher oder später wird in diesem Fall der Betroffene sich – und andere – fragen, was eigentlich los ist und dem Problem auf die Spur kommen. Menschen, die mit kleinen Kindern zu tun haben, werden mit deren entwaffnender Offenheit vermutlich sehr schnell mit der Tatsache konfrontiert werden, dass es mit der eigenen Atemluft nicht zum Besten steht. Man darf somit davon ausgehen, dass Menschen auf ihre Halitosis aufmerksam gemacht werden, bevor diese sie der sozialen Welt völlig entfremdet.
Eine Google-Suche mit dem Stichwort „Mundgeruch“ ergibt ca. 246 000 Ergebnisse; bereits auf den ersten Seiten findet man die wissenschaftlich anerkannten Tipps, die man auch in der Mundgeruchssprechstunde erhält. Dem Suchenden dürfte schnell klar werden, dass das Problem mit größter Wahrscheinlichkeit in seiner Mundhöhle liegt und damit der Zahnarzt oder die Dentalhygienikerin zuständig sind.
Wer also tatsächlich unter Mundgeruch leidet, kann diesen mit fremder Aufklärung und etwas Eigeninitiative in der Regel schnell wieder loswerden. Aber was nicht da ist, kann man auch nicht loswerden. Mit diesem Dilemma sieht sich der so genannte Halitophobiker konfrontiert. Im Gegensatz zum Zeitgenossen mit Halitosis, der den eigenen üblen Atemgeruch selbst nicht wahrnimmt, werden Halitophobiker geradezu von ihrem – nicht vorhandenen – foetor ex ore verfolgt. In ihrer Wahrnehmung hat kaum noch etwas anderes Platz. Die Angst, das hilflose Gegenüber bis zum Brechreiz zu belästigen, nimmt überhand. Jede kleine Geste von Anderen wird als Abwehr, als Schutzbewegung gegen den Gestank gedeutet und treibt den unter eingebildetem Mundgeruch Leidenden noch tiefer in seine Scham- und Schuldgefühle. Der typische Halitophobiker ist in der Regel jung, gepflegt und leistungsorientiert. Sucht er sich Hilfe, bekommt er immer wieder zu hören, dass er keinen Mundgeruch hat. Das kann er nicht glauben, denn er selbst riecht ja diesen üblen Geruch tatsächlich. Und macht sich auf zur nächsten Praxis.
Diese Menschen haben oft eine wahre Experten-Odyssee hinter sich. Da keiner der Behandler den Mundgeruch wahrnimmt, fühlt sich der Betroffene mit seinem Leiden völlig allein gelassen. Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit machen sich breit. Er isoliert sich aus Scham immer mehr von sozialen Kontakten. Nicht selten kommen durch die Verzweiflung und Isolation Depression und Selbstmordgedanken hinzu.
Die wissenschaftliche Datenlage zum Thema Halitophobie ist leider nach wie vor spärlich. Vermutlich lässt es sich in die Zwangserkrankungen einordnen. Verwandte Phänomene dürften die Eigengeruchshalluzinose und das olfaktorische Referenzsyndrom sein. Weder wurde die Halitophobie bisher in einem der gängigen Manuale für psychische Störungen (ICD-10, DSM-IV) klassifiziert, noch gibt es systematische Untersuchungen zur Behandlung der Patienten. Der Grund dafür dürfte sein, dass die Halitophobie unter den eigentlich zuständigen Fachleuten wie Psychiatern und Psychologen eine bisher kaum bekannte Diagnose ist. Dies könnte daran liegen, dass es alles andere als leicht ist, einen Menschen, der unter eingebildetem Mundgeruch leidet, davon zu überzeugen, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Denn sobald er hört, dass wieder eine Fachperson seinen Mundgeruch nicht anerkennt, packt er sein Bündel und wandert zum Nächsten.
Eine Halitophobikerin, nennen wir sie Kati, schreibt in einem Internetforum:
„Ich habe ständig einen schlechten Geschmack im Mund und rieche meinen Mundgeruch selber sehr stark. Ich habe schon ein paar Vertrauenspersonen gefragt. Diese haben mir alle gesagt, dass sie nichts riechen. Ich kann das aber nicht glauben, da ich es ja selber rieche. Wenn ich mit jemandem spreche, gehe ich immer auf Abstand. Ich gehe kaum noch auf Leute zu. Bei mir dreht sich den ganzen Tag alles um den Mundgeruch. Ich habe auf diversen Seiten gelesen, dass es auch Leute gibt, die sich das alles einbilden. Aber ich kann mir das nicht vorstellen. Wie kann man etwas riechen, das es anscheinend nicht gibt?! “
Folgende Antworten erhielt Kati auf ihren Hilferuf:
User 1
„Mit dieser Angst musst du ja enorm eingeschränkt sein, was dein Sozialleben angeht. Ich kann dir den Tipp geben, einmal ein Kindergartenkind zu fragen, die tun gerade heraus kund, was sie gerade erschnüffelt haben, besser als jede Maschine.“
User 2
„Eigentlich wollte ich dich auch ansprechen, ob du dir vorstellen kannst, dich einmal für eine Dokusoap von der Kamera begleiten zu lassen. Ich arbeite als Castingredakteurin und bin auf der Suche nach einer neuen, berührenden Geschichte.“ (Kati lehnt hier dankend ab, da sie mit ihrem Problem nicht an die Öffentlichkeit gehen will.)
User 3
„Ich hatte mal eine Zeitlang das gleiche Problem wie du. In den Griff bekommen habe ich es durch Kaugummi kauen; klingt simpel, aber ich bin dadurch davon weggekommen ständig einen Schritt von anderen Personen wegzugehen, denn sie könnten ja etwas Angebliches riechen. Mach dir kein Kopf. Es ist nur halb so schlimm. Kau einfach regelmäßig einen Kaugummi je nach dem wie dein Bedarf ist und du wirst sehen, es wird sich bestimmt bessern, denn du wirst ein besseres Gefühl in deinem Mund haben.“
Kati antwortet auf diese Tipps:
„Hallo zusammen, erstmal vielen Dank für eure Antworten. Beim Zahnarzt, der einen Halimeter hat, war ich schon. Da kam ein Wert von 0 raus. Der Zahnarzt meinte, dass ich keinen Mundgeruch habe. Aber ich denke eher, dass das Gerät nicht funktioniert, da ein Wert von 0 doch eher unwahrscheinlich ist?!“
Damit erschöpfen sich die Antworten nach wenigen Tagen. Kati steht wieder alleine da mit ihrem Problem. Sie glaubt dem Zahnarzt nicht, sondern unterstellt, dass sein Halimeter defekt ist. Ihr letzter Satz des Forumgesprächs lautet: „ Mich beunruhigt nicht nur der schlechte Geschmack und das schlechte Mundgefühl, sondern eben auch die Tatsache, dass ich den Geruch selber stark wahrnehme (Hervorhebung durch die Red.).“
Was hat der Zahnarzt falsch gemacht, dass Kati ihm nicht geglaubt hat? Wahrscheinlich gar nichts. Obwohl er selbst per organoleptischer Diagnose nichts wahrgenommen hat, brachte er seiner Patientin die Wertschätzung entgegen, den Mundgeruch mit dem Halimeter zu messen und nahm sich die Zeit, sie aufzuklären. Für jeden anderen wäre diese Nachricht der Absenz von Mundgeruch eine Erleichterung. Nicht so für den Halitophobiker: für ihn ist es eine Hiobsbotschaft, denn sie bedeutet, dass noch immer niemand bereit ist, ihm in seiner (subjektiven) Wirklichkeit zu begegnen und seinem Problem – das er ja in Tat und Wahrheit riecht und schmeckt – zu begegnen. Er unterstellt dem Zahnarzt nach dieser guten Nachricht bestenfalls defekte Gerätschaften, schlimmstenfalls Unfähigkeit und Desinteresse. Es liegt auf der Hand, dass Ärzte und Zahnärzte bei diesem Problem gar nicht helfen können, sondern eigentlich Psychotherapeuten gefragt wären. Bei diesen ist die Halitophobie jedoch unbekannt. Versucht man die Halitophobie im ICD-10 (dem offiziellen Klassifizierungssystem der psychischen Störungen und Erkrankungen) anzusiedeln, gehört sie wohl am ehesten zu den Zwangsstörungen – eine, selbst für den erfahrenen Psychotherapeuten, nicht ganz einfach zu behandelnde Erkrankung.
Ein wichtiges Stichwort ist hier wieder die subjektive Wirklichkeit des Patienten. Seit dem berühmten Fernsehdetektiv Adrian Monk, ein genialer aber multipel zwanghafter Ex-Polizist, ist es einem Millionenpublikum vergönnt, Einblick in die subjektive Wirklichkeit eines Zwangserkrankten zu haben. Für den Betroffenen ist diese verstörend. Adrian Monk gießt kochendes Wasser über seine Zahnbürste, bevor er sie benutzt. Seine Assistentin muss ihm jedes Mal umgehend ein antibakterielles Tüchlein reichen, wenn er einem Gegenüber die Hand schütteln musste. Er fummelt hin und wieder an fremden Autoantennen herum, weil er nicht ertragen kann, wenn diese nicht exakt gerade stehen.
In der Welt, in der sich der Zwangserkrankte bewegen muss, sind Schmutz, Erreger, Bakterien, Gerüche quälend präsent und wirklich. Zwei nicht ganz parallele Bleistifte bedeuten in seiner Wahrnehmung eine nicht zu ertragende Unordnung – und sie plagt ihn so sehr, dass er einfach etwas dagegen tun muss. In der subjektiven Wirklichkeit des Halitophobikers existiert der üble Geschmack und Geruch in seinem Mund tatsächlich. Vertrauen wird er erst in eine Person setzen, die ihm bis in diese subjektive Wirklichkeit hinein folgt, die sein Leiden anerkennt, die ihm zugesteht, dass er wirklich riecht, was er riecht.
Um beim Halitophobiker Gehör zu finden, braucht es mehr als verständnisvolle Kommunikation. Es nötigt dem Behandler den Schritt in eine ihm in der Regel völlig fremde Welt ab. Dies bedeutet nicht, dass er so tun muss, als ob er den Mundgeruch wahrnimmt, aber dass er sich in die Wirklichkeit des Halitophobikers versetzt und Interesse an dessen Wahrnehmungen zeigt. Wenn er über schlechten Geschmack im Mund klagt, lassen Sie ihn diesen präzise beschreiben. Fragen Sie ihn, wann er diesen Geschmack das erste Mal wahrgenommen hat. Fragen Sie ihn, wann er den Geruch, der seinem Mund entströmt, am deutlichsten wahrnimmt. Wonach es riecht. Ob er sich von Zeit zu Zeit verändert. Vermutlich hat auf seiner (Zahn-)-Ärzte Odyssee noch nie die Gelegenheit gehabt, ausgiebig über diese von ihm so deutlich wahrgenommenen olfaktorischen Scheußlichkeiten zu sprechen, da ihre Existenz von den Experten nicht anerkannt wird. Dies tun zu dürfen allein kann schon eine Erleichterung für ihn sein und dient dem Vertrauensaufbau.
Empfehlenswert ist es auch, den Halimeter einzusetzen. Klären Sie Ihren Patienten schonend darüber auf, wenn das Gerät keinen Mundgeruch misst. Sollten Sie es lediglich mit einem Patienten mit Pseudohalitosis zu tun haben, lässt er sich gerne von der Nichtexistenz seines Mundgeruchs überzeugen. Lassen Sie sich mit dem Halitophobiker nicht auf Diskussionen über seinen Mundgeruch ein. Anerkennen Sie, dass er den schlechten Geruch und Geschmack wahrnimmt und instruieren Sie ihn nochmals sorgfältig in Sachen Mundhygiene. Der erste Termin soll einem Beziehungsaufbau dienen, denn erst, wenn eine gewisse vertrauensvolle Beziehung zu Ihnen besteht, wird der Patient Ihnen Gehör schenken und Ihnen erlauben, ihn aus seiner subjektiven Wirklichkeit hinauszubegleiten.
Bei einem zweiten Termin empfiehlt es sich, ihn wieder ausführlich zu befragen. Hat er die empfohlenen Mundhygiene-Maßnahmen durchgeführt? Mit welchem Erfolg? Werfen Sie einen Blick in seine Mundhöhle. Loben Sie ihn. Anerkennen Sie seine Bemühungen. Damit ermöglichen Sie ihm im Rahmen seines Leidens wahrscheinlich das erste Mal ein positives Erlebnis und Sie unterstützen ihn dabei, seine Scham abzubauen.
Das Ziel dieser speziellen Mundgeruchssprechstunde ist es, diese Patienten an einen Arzt mit psychotherapeutischer Weiterbildung oder an einen Psychotherapeuten weiter zu weisen. Dies braucht sehr viel Fingerspitzengefühl. Spätestens bei der zweiten oder dritten Sitzung ist es an der Zeit, den Patienten behutsam aufzuklären. Folgende Sätze können helfen, dem Patienten eine andere Wirklichkeit als seine eigene nahe zu bringen:
Nennen Sie die Tatsache: Ich kann bei Ihnen keinen Mundgeruch feststellen. Es gibt wirklich keinerlei Indizien dafür.
Anerkennen des Problems: Sie nehmen aber den schlechten Geschmack und Geruch trotz Ihrer hervorragenden Mundhygiene noch immer deutlich wahr.
Objektivierung: Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen Halitophobie. Es ist so, dass Sie wahrscheinlich tatsächlich einmal unter Mundgeruch gelitten haben. Ihr Hirn hat sich diesen Geruch gemerkt und gaukelt Ihren Geruchs- und Geschmacksnerven diesen immer wieder vor. Wieso es das macht, konnte noch nicht erforscht werden.
Lösungsangebot: Ich kann Ihnen einen Kollegen empfehlen, der Ihnen hier weiterhelfen kann. (Bitte Visitenkarte eines Neuropsychologen, Psychiaters mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung bereit halten.)
Entdramatisieren: Nicht erschrecken, wenn hier Psychiater/Psychologe steht – mit Ihnen ist alles in Ordnung! Der Kollege kennt sich aber mit der modernen Hirnforschung aus (das sollte dann auch stimmen! Ein Psychoanalytiker dürfte für den Halitophobiker nicht der geeignete Ansprechpartner sein.) und kann Ihnen sicher in kürzester Zeit helfen, dieses Geruchsphänomen loszuwerden.
Sofortmassnahme: Kauen Sie häufig zuckerfreien Kaugummi– das kann helfen, damit Ihr Hirn einen anderen Geschmack „lernt“.
Zusatzangebot: Ich möchte gerne mit Ihnen einen weiteren Termin ausmachen, damit wir sehen, wie sich das Ganze entwickelt. Es ist mir wichtig, dass wir eine gute Lösung finden, denn ich kann verstehen, wie belastend diese Geruchswahrnehmungen für Sie sein müssen.
Mit diesem Zusatzangebot unterstreichen Sie, dass Sie weiterhin für ihn da sind und ihn nicht einfach loswerden wollen. Das zu Ihnen aufgebaute Vertrauen zerschlägt sich nicht einfach so, sondern bleibt ein Hoffnungsschimmer für den Patienten. In Anbetracht der nicht seltenen Suizidgefährdung von Halitophobikern ist eine zusätzliche Konsultation ethisch durchaus vertretbar, auch wenn Ihr Auftrag als Zahnmediziner momentan erfüllt ist.
Delia Schreiber
Psychologin M.Sc.
Männedorf/Schweiz
Wissenschaftliches Symposium zum Thema Halitosis (April 2009/Dortmund)